So, 9. März 2008, 17h + 21h Cinéma Spoutnik, Genf: Programm 1 + 2
Mo, 10. März 2008, 10-12h und 18h HEAD, Genf: Workshop + Programm 3
Di, 11. März 2008, 21h Cinéma Spoutnik, Genf: Programm 4
Mi, 12. März 2008, 19h Vortragssaal ZHdK, Zürich: Programm 3
Do, 13. März 2008, 18.15h Filmpodium, Zürich: Programm 1

(Alle Programme in Anwesenheit des Filmemachers. Die beiden Programme in Zürich werden auf Deutsch und Französisch moderiert von Marcy Goldberg)


Kritik der Kolonialisierung: Der Dokumentarist René Vautier

Reservoir präsentiert diesen Monat Dokumentarfilme und hat mit dem streitbaren französischen Filmemacher René Vautier einen zentralen Vertreter des militant-politischen Kinos nach Genf und Zürich eingeladen.

Mit der Kamera in der geballten Faust kämpft René Vautier seit 1950 dafür, die Mechanismen der Unterdrückung im 20. Jahrhundert aufzudecken. Insbesondere mit Filmen, die die Auswirkungen der Kolonialisierung Afrikas stigmatisierten, wurde er als politischer Aktivist bekannt und zu einer Vorbildfigur für die Ende der 60er-Jahre gegründeten Groupes Medvedkine, in denen sich unter anderem Leute wie Chris Marker, Jean-Luc Godard und Joris Ivens politisch engagierten.

Während des Algerienkrieges engagierte sich Vautier für die Aufständischen. Er zeigte den Krieg als einziger aus ihrer Perspektive und nahm auch später, als er sich mit seiner Kamera in Streikbewegungen engagierte, stets Partei für die Machtlosen. Vautier verwirklichte seine Filme ausserhalb der professionellen Produktionszusammenhänge und beschäftigte häufig die Zensur: einige seiner Filme wurden aus dem Verkehr gezogen, zerstört oder sind verloren; der Filmemacher selber machte mehrfach Bekanntschaft mit französischen Gefängnissen.

Der militante Diskurs, oder genauer vielleicht, die Verwendung des Films als Mittel des Kampfs und Waffe des Widerstands steht in Vautiers Werk nicht im Widerspruch zu einer dezidierten Suche nach einer eigenen filmischen Form. Vautier hat selbst unter dem Druck sich oft überstürzender Ereignisse streng auf die Kadrage der Einstellungen geachtet. So verdichten seine auf vielen Reisen gesammelten Zeugnisse die Unübersichtlichkeit der Krisensituationen dennoch zu einem klaren, ordnenden Gesichtspunkt.

René Vautier (geboren 1928) scheint mit seinen nunmehr 80 Jahren zögerlich wiederentdeckt zu werden. Ende Februar und Anfang März tourt er durch die Schweiz und ist Gast im Kino Oblo, Lausanne (herzlichen Dank für die Kooperation!) und am FIFF in Fribourg. Zwei seiner Filme haben ausserdem Eingang gefunden in das von der Cinémathèque Française mitorganisierte Programm Paradise Now! Essential French Avant-garde Cinema, 1890–2008 in London's Tate Modern (ebenfalls März 2008).
In Genf und Zürich zeigen wir einige seiner wichtigsten Filme. Darunter sein mit 21 Jahren gedrehtes Erstlingswerk Afrique 50, das ihn 1950 bekannt gemacht hat. Es ist eine anprangernde Brandrede gegen die Kolonialisierung Schwarz-Afrikas und gegen Rassismus, die während mehr als dreissig Jahren verboten blieb. Et le mot frère, et le mot camarade ist ein Werk jüngeren Datums, ein poetischer Essay zur Funktion des Schreibens und der Poesie in der französischen Résistance während des Zweiten Weltkriegs.

(François Bovier, Fred Truniger)


Programm 1: Die Kolonialisierung (3 Durchgänge)
Afrique 50, F 1950, 20 Min., s/w, 16mm/Beta, VO (französisch)
Et le mot frère, et le mot camarade, F 1995, 50 Min., Farbe, Beta, VO (französisch)

Programm 2: Der Algerienkrieg (2 Durchgänge)
Un peuple en marche, F 1963, 65 Min, 16mm/Beta, VO (französisch)
A propos de l'autre détail, F 1988, 45 Min, VO (französisch)

Programm 3: Der Algerienkrieg (Fiktionalisation) (3 Durchgänge)
Anneaux d'or, F 1956, 14 Min, 35mm/Beta, VO (französisch)
Les trois cousins, F 1969, 20 Min, 16mm/Beta, VO (französisch)
Les ajoncs, F 1969, 12 Min, 35mm/Beta, VO (französisch)
Techniquement si simple, F 1971, 11 Min, 16mm/Beta, VO (französisch)
Le remords, F 1973, 12 Min, VO (französisch)

Programm 4 : Streiks und Besetzungen (2 Durchgänge)
Quand les femmes on pris la colère, F 1977, 67 Min, VO (französisch)
Marée noire, colère rouge, F 1978, 54 Min, VO (französisch)

Das Programm wurde zusammengestellt von François Bovier und Ricardo da Silva.

Pressereaktionen:
Was ich sehe, was ich weiss. Wochenzeitung, Zürich. 20. März 2008.

Mehr Informationen:
Interview mit René Vautier (in französischer Sprache)