
Reservoir lädt im November die New Yorker Film- und Medienkünstlerin Leslie Thornton ein, eine der wichtigsten Vertreterinnen des unabhängigen Films, die ihre Filme erstmals in der Schweiz zeigt.
Thorntons Filme sind zitatenreiche Arbeiten, die vor allem durch die Wiederverwendung und Neukontextualisierung von Found Footage (bestehendem Filmmaterial) auf der Klaviatur der kinematographischen Sinnproduktion spielen. Zu den Themen ihrer Arbeiten gehören Geschlechteridentitäten, Kolonialgeschichte und die Repräsentation des «Anderen», aber auch der Einfluss der Technik auf unseren Alltag.
Das Besondere an Thorntons Schaffen ist die Beharrlichkeit, mit welcher sie ihre Projekte weiterentwickelt. Seit 1985 arbeitet sie an der <Peggy and Fred in Hell >-Serie, in welcher sie zwei Kinder bis in ihr Erwachsenenalter verfolgt. Thornton bezeichnet <Peggy and Fred in Hell > als «lebenslanges Projekt»: Entgegen gängiger künstlerischer Praxis weigert sie sich, einmal fertig gestellte, öffentlich vorgeführte Teilfilme der Serie als unantastbare Werke zu betrachten. Stattdessen bearbeitet und ergänzt sie ihre Filme immer weiter und reichert sie mit Versatzstücken des 20. Jahrhunderts an, bis widersprüchliche Erzählungen offenbar werden.
Ursprünglich eher formale Experimente, entwickelten sich die Filme in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter in Richtung ungewöhnlicher Erzählformen. Gleichzeitig machten sie den Sprung von 16-mm-Film zu Video. Leslie Thorntons Werk spiegelt damit direkt die beiden tiefgreifendsten Veränderungen im Avantgardefilm am Ende des 20. Jahrhunderts wider: das neu erwachte Interesse an alternativen Narrationen und die Auswirkungen des Medienwechsels auf die Arbeit der FilmemacherInnen.
Die <Peggy and Fred in Hell >-Filme machten Thornton zu einer der anerkanntesten Filmemacherinnen der USA. Der Kritiker Bill Krohn schrieb in einem 1993 erschienenen Artikel in den «Cahiers du cinéma»: «Leslie Thornton ist ein Platz in der Geschichte des Kinos schon aus dem einfachen Grund sicher, dass sie die Autorin von <Peggy and Fred in Hell> ist.» Thornton studierte in den siebziger Jahren bei so bekannten unabhängigen Filmemachern wie Hollis Frampton, Paul Sharits, Stan Brakhage und Peter Kubelka und wurde mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, darunter mit dem Maya Deren Award for Independent Film and Video Artists (1996), dem wohl wichtigsten Preis für unabhängige FilmkünstlerInnen überhaupt und als erste Empfängerin des Alpert Award in the Arts for Media.
«Die Filme von Leslie Thornton haben dazu beigetragen, die eigentliche Natur der zeitgenössischen Avantgardepraxis zu definieren. (…) In ihren multimedialen Experimenten, besonders über die Verbindungen zwischen Film, Video, Theater und Fotografie, untersucht Thornton die Grenzen der Darstellbarkeit und die unzähligen diskursiven Beziehungen von Zuschauerinnen und Zuschauern zu Bildern.» (Mary Ann Doane, www.sensesofcinema.com)
Reservoir zeigt die aktuelle Inkarnation des lebenslangen Projektes Peggy and Fred und ein weiteres Programm mit Kurzfilmen mit dem Titel Culture Shock.
Programm 1: Peggy and Fred in Hell
Peggy and Fred (via Switzerland), USA 1984-2006, film and video, colour, E, 95 min.
Programm 2: Culture Shock
Adynata, USA 1983, 16mm, colour, sound, 30 min.
Let Me Count the Ways, USA 2004-5, video, colour, E, 22 min.
Mehr Informationen:
Interview mit Leslie Thornton in Senses of Cinema