
Reservoir lädt ein, sich mit drei Filmen einem Opernhaus mitten im südamerikanischen Urwald zu nähern: Mit Teatro Amazonas der US-amerikanischen Künstlerin Sharon Lockhart, Fitzcarraldo des deutschen Filmemachers Werner Herzog und mit Christoph Schlingensiefs Holländer 2C - Die Ausweitung der Dunkelphase.
Wer kennt nicht die Szene aus dem Meisterwerk Fitzcarraldo von Werner Herzog, in der Klaus Kinski alias Brian Sweeney Fitzgerald, besessen von der Idee, ein Opernhaus zu errichten, den Kirchturm besteigt und schreit: “Ich will meine Oper! Ich will meine Oper!“ Dabei dient ihm jenes Opernhaus in Manaus zum Vorbild, in dem auch die US-amerikanische Künstlerin Sharon Lockhart ihr Filmprojekt ansiedelt.
Das Opernhaus mit dem klangvollen Namen Teatro Amazonas wurde während des Kautschuk-Booms zwischen 1884 und 1896 mitten im brasilianischen Regenwald in der Stadt Manaus gebaut, die damals weniger als 100.000 Einwohner zählte, und gilt seitdem als ein Symbol für den ökonomischen und kulturellen Elitarismus in Brasilien. Die Materialien für das Gebäude liessen die brasilianischen Bauherren zu Beginn allesamt aus Europa importieren oder dort veredeln. Den Stahl bezog man aus Schottland, die Kacheln aus Frankreich und den Marmor aus Italien. Das Theater wurde somit nach europäischem Vorbild zum Ort des grossen gesellschaftlichen Auftritts für reiche Brasilianer, die sich, den Kolonisatoren gleich, an einen anderen Ort jenseits der Tropen sehnten.
Sharon Lockharts Film gingen wochenlange Studien voraus: Sie suchte in persönlichen Gesprächen unter Mitarbeit eines Demografen in Manaus 308 Personen aus, die die verschiedenen Stadtviertel statistisch exakt repräsentierten, und versammelte sie vor ihrer festinstallierten Kamera im Teatro Amazonas.
Was aus dieser Grundkonstellation entstand, ist nun keinesfalls ein ethnografischer Dokumentarfilm, sondern vielmehr ein wegen seiner konzeptuellen Stringenz und seines Minimalismus radikaler Film über das Sehen und die bedeutungsvolle Konfrontation der Kulturen, beeinflusst durch strukturalistische Filmemacher der 60er und 70er Jahre wie Andy Warhol, James Benning oder Michael Snow. Der Zuschauer im Kinosaal wird unmittelbar Zeuge eines Dialogs: Eine Kultur betrachtet die andere.
Holländer 2C - Die Ausweitung der Dunkelphase ist ein gut neunminütiger 35mm-Film, den Christoph Schlingensief während der Vorbereitungen zu seiner Inszenierung des „Fliegenden Holländers“ am Teatro Amazonas Manaus im April 2007 gedreht hat. Die Musiker des legendären Opernhauses sind zu diesem Zweck dem Orchestergraben entstiegen und wurden gemeinsam mit Opernchor und statisten von Schlingensief buchstäblich verfrachtet - zunächst auf einen Amazonasdampfer, anschließend in die inmitten des Regenwalds gelegene Ruine des Klosters Parikatuba, das als Gefängnis und Leprahospital bereits eine wechselvolle Geschichte hinter sich hat.
Während das Orchester die „Holländer“-Ouvertüre intoniert, schaltet Schlingensief seine ARRI 2C-Kamera ein und aus, wechselt die Position, schaltet die Kamera wieder ein, wieder aus, wechselt die Position usw. Die prägnanten Schwarzbilder zwischen den Bildern bezeichnet Schlingensief als „Dunkelphasen“, in denen die Oper in Wagners vielbeschworenem „mystischem Abgrund“ verschwindet, um anschließend wieder daraus hervorzugehen. So entstehen Bildfragmente, die ähnlich den Instrumenten auf tonaler Ebene im Betrachter zu einer Oper verschmelzen.
Die Kommunikation zwischen Kameramann Schlingensief und seinen Assistenten während der Aufnahmen („Speed 24 frames per second; 22 frames per second“) bleibt dabei erhalten. Sie legt sich wie ein Code über Bilder und Musik. Wer den Code entschlüsselt, macht Wagners Musik für Sekundenbruchteile sichtbar.
Anschliessend an dieses Programm zeigt Reservoir in Zusammenarbeit mit dem Filmpodium Zürich den Filmklassiker Fitzcarraldo von Werner Herzog.
Reservoir: Teatro Amazonas