Alle Bilder: © Marian Stefanowski, Berlin

Donnerstag, 28. September 2006, 18.15h, Filmpodium Zürich
Montag, 02. Oktober 2006, 19h, Ecole Supérieure des Beaux-Arts, Genf


Das Rätsel des Kinos

Mit dem Filmmanifest Riddles of the Sphinx der britischen Filmemacher und –theoretiker Laura Mulvey und Peter Wollen meldet sich Reservoir nach der Sommerpause zurück. Der Film, beinah 30 Jahre alt, verbindet gesellschaftspolitisches Anliegen und formalästhetisches Experiment und erscheint heute in seiner Intention aktueller denn je.

Laura Mulvey, geboren 1941 in Oxford, wurde in den 70er Jahren durch ihre filmtheoretischen Arbeiten für Zeitschriften wie «Spare Rib» und «Seven Days» bekannt. Besonders wegen ihres Essays «Visual Pleasure and Narrative Cinema», in dem sie Aspekte der Identifikation des Zuschauers und die Bezüge zum männlich codierten Blick untersucht, gilt sie heute als Mitbegründerin der feministischen Filmtheorie. Peter Wollen, geboren 1938 in London, arbeitete als Drehbuchautor u. a. mit Michelangelo Antonioni zusammen (Professione: Reporter) und schrieb zahlreiche Abhandlungen über Film und Kino, von denen der Essay «The Two Avantgardes» der bekannteste ist.

In ihren theoretischen Schriften formulierten Laura Mulvey und Peter Wollen nicht nur Analysen und Kritik im Hinblick auf Film und Kunst im engeren bzw. Politik und Kultur im weiteren Sinne. Sie waren darüber hinaus Teil einer gesellschaftlichen Bewegung in England, die in den 70er Jahren unter dem Einfluss post-strukturalistischer Theorien aus Frankreich (Barthes, Derrida, Lacan) eine neue Textproduktion und künstlerische Praxis anvisierten.

Riddles of the Sphinx stellt das Resultat des Versuches dar, die geschriebenen Postulate für ein anderes Kino in einer eigenen Filmarbeit einzulösen.

Programm:

Riddles of the Sphinx, GB 1976/77, Laura Mulvey/Peter Wollen, 16 mm, 92 Min

Laura Mulvey und Peter Wollen suchten in ihrem Film nach einer neuen Erzählform als Alternative zum konventionell erzählenden Film. Damit wollten sie sich bewusst vom «orthodoxen» (wie Wollen ihn nannte), also dem Hollywood-Film jener Zeit – aber auch vom nicht narrativen, experimentellen Film abgrenzen und den Weg für ein anderes Kino frei machen, das seine Kraft aus einer radikalen Arbeit an den Symbolisierungsprozessen des Films zu gewinnen hoffte.

In Riddles of the Sphinx wird die Geschichte einer alleinerziehenden Frau erzählt, die nach der Trennung von ihrem Mann sowohl in ihrer Privatsphäre als auch bei der Arbeit mit zahlreichen Hindernissen zu kämpfen hat. Der Film, eine «Fabel aus dem Alltagsleben», beschäftigt sich mit Mutterschaft als einem kulturellen und praktischen Problem in einer patriarchalisch organisierten Gesellschaft. Mulvey/Wollen engagieren sich damit für eine feministische Politik, die die Fragen der bewussten politischen Aktion mit den Bedürfnissen nach Selbstverwirklichung in Beziehung setzt. In einer Umdeutung der Geschichte von Ödipus und der Sphinx aus Sicht der Frau finden die Fragestellungen von Mulvey/Wollen ihren metaphorischen Ausdruck.

Riddles of the Sphinx folgt einer klaren formalen Struktur: Der Film ist aus sieben Sektionen aufgebaut, wobei die mittlere, vierte Sektion in 13 Kapitel unterteilt ist. Als besonderes ästhetisches Mittel verwenden Mulvey/Wollen 360º-Kameraschwenks, durch die in unterschiedlich langen Einstellungen die Räume der Handlungen erfasst werden. Dieses beeindruckende formale Element tritt nicht nur in Interaktion mit der Erzählung, sondern produziert auch sein eigenes Erwartungs- und Erinnerungsmuster. Der umherschweifende Blick der Kamera ersetzt die gewohnte Kadrierung, durch die im Besonderen Frauen im Film üblicherweise fetischisiert dargestellt werden.

Einführung: Sigrid Adorf, Kunstwissenschaftlerin, ZHdK

Kuratiert von Wolf Schmelter

Literatur:
Laura Mulvey: Visual Pleasure and Narrative Cinema 1973/1975, in Screen (London), 16, 3, Herbst 1975; dt. Visuelle Lust und narratives Kino in: Frauen in der Kunst, 2 Bde., Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1980, Bd. 1, S.30-46; oder: Kunsttheorie im 20. Jahrhundert, Hatje Kantz, Hg. Harrison, Wood (Auszüge)

Peter Wollen: Two Avantgardes (Die Zwei Avantgarden), 1975; dt. in: Kunst/Kino, Jahresring 48, Jahrbuch für moderne Kunst, Hg. Gregor Stemmrich